Zeitreise Kärnten

Die ersten Landwirte Österreichs

Als in Mitteleuropa vor rund 10 000 Jahren mit den Gletschern auch der Großteil der Tierwelt von der Bildfläche verschwand, blieben die Menschen ratlos zurück. Die Vorstellung, sich ab nun von Beeren, Pilzen und Wildgetreide zu ernähren, erschien von Beginn an nicht besonders attraktiv: Wissenschaftler stellten unlängst mithilfe einer simplen Kalorientabelle den Aufwand der Suche, Ernte und Verwertung von Wildgetreide dem zu erwartenden Ertrag gegenüber und kamen bald zu dem Schluss, dass sich die Sache für den Menschen der Jungsteinzeit niemals lohnen konnte. Allein die Suche verschlingt um ein Vielfaches mehr Energie, als die Körner bei bestmöglicher Ausbeute jemals liefern konnten. Zumal die wechselnden Jahreszeiten die Notwendigkeit vorgeben, in wenigen Monaten große Mengen an Getreide zu bunkern. Im Falle einer, sagen wir, zehnköpfigen Sippe wäre es ratsam gewesen, zusätzlich zu den Beeren und Früchten weitere fünf bis zehn Tonnen Getreide in Reserve zu haben, um gut über den Winter zu kommen. Denn Wildgetreide ähnelt in Form und Ergiebigkeit den großsamigen Gräsern auf unseren heutigen Wiesen. Da ist man schon eine Weile beschäftigt, bis man seinen Wintervorrat zusammen hat! Verständlich, dass der Mensch daher die tierische Nahrung nicht einfach so von seinem Speiseplan nehmen wollte.

Die Griffener Tropfsteinhöhle - Wohnstätte der ersten Kärntner

Die Griffener Tropfsteinhöhle – Wohnstätte der ersten Kärntner

Die Bevölkerung Mitteleuropas entwickelte unterschiedliche Strategien, um mit dieser neuen Situation fertig zu werden. Daraus bildeten sich drei Gruppen: Ein Teil folgte dem verbliebenen Großwild in die nördlichsten Ecken des Kontinents. Ein anderer wiederum versuchte sein Glück im Süden und ernährte sich fortan von Muscheln und Meeresfrüchten. Unsere Vorfahren sind jener dritte Teil, der sich fürs Hierbleiben entschied.

Die ersten landwirtschaftlichen Erfahrungen auf österreichischem Boden wurden im Osten des Landes gesammelt – lange bevor es in Kärnten losging. Der Lößboden dort war fruchtbar, und das Klima sehr günstig. Denn im sechsten Jahrtausend vor der Zeitenwende war es im Durchschnitt um einige Grad wärmer als heute. Also begannen die Ur-Niederösterreicher damit, Einkorn und Emmer anzupflanzen, auch vom Anbau von Linsen und Erbsen weiß man. In der Fachliteratur führte das dazu, dass das Gebiet unter Archäologen als die Emmer-Einkorn-Erbsen-Zone bekannt ist. Kärnten hingegen war für weitere ein bis zwei Jahrtausende aus bodenkultureller Sicht nur „Zone“.

So wohnte man früher - ein jungsteinzeitliches Langhaus

So wohnte man früher – ein jungsteinzeitliches Langhaus

Die Jagd hatte bei den Menschen nun nicht mehr oberste Priorität. Eine attraktive Alternative, dem Essen nicht mehr hinterherlaufen zu müssen, fand man in Form der Viehzucht. Erste Domestizierungsversuche unternahm man mit Schafen und Ziegen. Das weiß man heute, weil sich der Knochenaufbau gefundener Skelette sehr früh zu verändern begann. Was den Forschern als Hinweis dafür diente, dass sich der Alltag dieser Tiere massiv gewandelt haben musste. Sie dürften wohl dank ihrer Genügsamkeit so früh in die Dorfgemeinschaft aufgenommen worden sein – ihr Nahrungsmittelbedarf stellte für den Menschen keine Konkurrenz dar. Man konnte sie in die umliegenden Wälder entlassen, wo sie sich selbst um ihr Futter – Wurzeln, Blätter, Rinden, etc. – kümmerten. Und damit fanden die Tiere auch ihr Auslangen: Viele horntragende Pflanzenfresser sind in der Lage, in ihren Mägen Zellulose aufzuspalten und so in Nahrung zu verwandeln. Den Ziegen sagt man sogar nach, einige Zeit lang von Zeitungspapier leben zu können. Nicht, dass ihnen diese außerordentliche Fähigkeit damals schon etwas genützt hätte.

Etwas später dehnte sich die Hofhaltung auf Schweine und Rinder aus, bald kam auch das Pferd dazu. Bis aufs Federvieh, das erst einige Jahrtausende später folgen sollte, war der Bauernhof komplett. Die nun landwirtschaftlich organisierten Menschen verfügten im Gegensatz zu früher über ein jederzeit abrufbares Nahrungsmitteldepot. Was nicht zu der Annahme verleiten sollte, dass man fürderhin in Saus und Braus lebte: Archäologen diagnostizierten unseren Vorfahren anhand von Knochenproben Mängelerscheinungen sowie deutliche Zeichen von Unterernährung.

Prähistorisches Werkzeugsortiment

Prähistorisches Werkzeugsortiment

Ins Forscherdeutsch übersetzt, vollzog sich nicht über Nacht, jedoch innerhalb weniger Jahrtausende der Übergang von der aneignenden zur produzierenden Wirtschaftsform. Für die Menschen bedeutete das, nicht nur die Nahrungsgewohnheiten an die neue Situation anzupassen, sondern gleich ihr ganzes Leben. Wer Felder bebauen wollte, kann nicht mehr übers ganze Jahr hindurch durch die Gegend ziehen. Folglich entstanden die ersten Häuser: Bäume wurden gefällt und Pfähle in den Boden geschlagen, die mit einem Rutengeflecht verbunden wurden. Daraufhin wurden die Wände mit Lehm verschmiert und das Dach gedeckt. Womit, weiß man nicht – es wird wohl ein Material gewesen sein, das man vor Ort zur Genüge hatte. Stroh zum Beispiel, vielleicht auch Baumrinde. In diesem einen Gebäude hatte dann die ganze Sippe Platz.

(Aus: Zeitreise Kärnten, Verlag Styria, 2. Auflage 2015)