Weitwandern in Österreich

Immer weiter gehen

  Martin Marktl

Einfach losmarschieren. Und zu Fuß – nur mit dem Allernötigsten ausgerüstet – wochenlang die Heimat erkunden. Auf Österreichs Weitwanderwegen geht das ganz gut.

Es ist 04:30 morgens, und im Gastraum der steirischen Edelrautehütte herrscht freie Platzwahl. Es scheint, als wären wir im sonst gut gefüllten Haus die einzigen, die bereits vor Sonnenaufgang zum Aufbruch blasen. Der Blick hinauf zum Großen Bösenstein lässt auf gutes Wetter hoffen. Immerhin stehen heute sechs Gipfel am Programm, die durch einen einzigen, durchgängigen Höhenkamm miteinander verbunden sind. Keine Schutzhütte, kein Unterstand, und nur wenig Wasser am Weg. Doch wenn alles nach Plan läuft, finden wir uns am Abend gut 34 Kilometer und 2.650 Höhenmeter später in der Plannerhütte wieder.

Am Zentralalpenweg

Unterwegs am Zentralalpenweg

Wir befinden uns hier am Zentralalpenweg 02, einem der meistbegangenen Weitwanderwege Österreichs. Auch wenn nicht viele Wanderer den gesamten Weg von Hainburg nach Feldkirch abmarschieren, so sind es doch Teilstücke wie dieser Abschnitt in den Rottenmanner Tauern, die auch in kleinen Portionen eine ungeahnte Faszination ausüben. Allein die Vorstellung, einmal im Leben ganz Österreich zu Fuß durchquert zu haben, zieht viele Wanderer in ihren Bann. Und gerade in den letzten Jahren waren es wieder deutlich mehr, die sich am Bahnhof in Hainburg – dem Start ihres fast 1.300 Kilometer langen Abenteuers – von der stolzen Verwandtschaft ablichten ließen.

Die ersten Etappen im Osten werden üblicherweise bereits zu Beginn der Wandersaison abgehakt. Ein gemütlicher Start, der auf allen anderen Langstrecken auch möglich ist – es sei denn, man startet im Westen (so rät man am Nordalpenweg 01 von Bregenz kommend bereits am zweiten Tag zu Schwindelfreiheit und Trittsicherheit …). Über die Hügel und Wälder des Burgenlands geht es am 02er nach wenigen Tagen erstmals über die Baumgrenze an der niederösterreichisch-steirischen Landesgrenze. Der Anmarsch bis dorthin lässt sich gut auf zwei bis drei Wochenenden aufteilen, ohne einen kostbaren Urlaubstag in An- und Abreise investieren zu müssen. Also das übliche Holz, aus dem Mehrtagestouren geschnitzt sind.

weiter Weg

Weitwandern hingegen beginnt erst dort, wo logistische Fragen bereits längst vergessen sind. All I own, is hanging on my back, konstatiert Eric Burdon in Tobacco Road. Erst wenn sich dieses Gefühl einstellt – die innige Verbundenheit mit Schlaf- und Rucksack … dann, ja dann beginnt das „weite Wandern“: Mehrere Wochen unterwegs sein, ganze Bundesländer durchqueren, und nach einigen Wochen in der Lage sein, eine Fertigsuppe an ihrem Strichcode zu erkennen – das ist Weitwandern.

Doch es muss nicht immer hoch hinaus gehen: Die Sektionen des Österreichischen Alpenvereins betreuen landesweit rund 7.300 Weitwanderkilometer, die in 10 Hauptwege in unterschiedlichsten Höhenlagen unterteilt sind. Daneben gibt es rund 100 weitere Themenwege mit teils ebenfalls beachtlichen Längen. Wer sich beispielsweise für den Niederösterreichischen Landesrundwanderweg interessiert, braucht in seinem Wanderbuch Platz für 950 Tourenkilometer. Der Leopoldschlager Pferdeeisenbahnweg hingegen ist notfalls auch ohne Pferd in einem Tag zu schaffen – Gesamtlänge 42 Kilometer.

Ein alter Almstall als Pausenplatz

Ein alter Almstall als Pausenplatz

Doch zurück in die Rottenmanner Tauern: Inzwischen ist es 7 Uhr morgens, und der höchste Gipfel des heutigen Tages ist erreicht: Vom Großen Bösenstein lässt sich ein Gutteil der östlichen Niederen Tauern einsehen. Der Gipfel liegt zwar nicht direkt am Weg, doch das Panorama macht den Abstecher geradezu verpflichtend: Von hier aus gibt es freie Sicht nach Südkärnten zum Hochobir, oder zur gerade im Licht der Morgensonne stehenden Dachsteingruppe im Westen, weiter zum über 100 km entfernten Ostronggebirge nördlich der Donau, und dem majestätischen Hochschwab in Blickrichtung Osten. Es ist der umsichtigen Planungsarbeit des Alpenvereins zu verdanken, dass all diese Gebirgszüge ebenfalls über das Weitwandernetz erreichbar sind, ohne dass die einzelnen Wege Pirouetten drehen müssen. Vier Wege verlaufen relativ schnurgerade in Richtung West-Ost – natürlich nicht Punkt zu Punkt, sondern in Hinblick auf ihre Bestimmung, die großen Gebirgszüge hintereinander aufzufädeln. Fünf weitere Wege ziehen sich von der nördlichen Staatsgrenze gen Süden. Und ein Weg ist sternförmig angelegt, und vereint daher ein bisschen von beiden Welten in sich.

Wasser + Marsch

Wir sind auf unserer Tour Richtung Planneralm inzwischen bei der Großen Windlucken angekommen. Wanderer, die mit Zelt und Schlafsack verreisen, schlagen hier üblicherweise ihr Quartier auf, da dies am Berggrat eine der wenigen Stellen mit Fließwasseranschluss ist. Alternativ besteht zum Preis von etwa 350 Höhenmetern die Möglichkeit, zu einer bewirtschafteten Sennhütte abzusteigen. Es ist ganz praktisch, auch unterwegs Infos zu Ausweichrouten in Griffweite zu haben, sollte eine wetterbedingte Planänderung vonnöten sein. Im Handel sind schlanke Wanderführer zu allen 10 Hauptwegen erhältlich, in denen neben der Wegbeschreibung auch Wasser- und Gefahrenstellen sowie die Kontaktdaten der umliegenden Hütten zu finden sind.

Bei allen anderen österreichischen Langstrecken hängt die verfügbare Literatur in erster Linie davon ab, ob der Weg touristisch vermarktet wird oder nicht. Jüngere Erfindungen –  wie Adlerweg, Donausteig oder auch der Wachauer Welterbesteig – sind sehr gut dokumentiert. Meistens helfen interaktive Webseiten plus GPS-Daten bei Planung und Wegfindung. Finanziert werden diese Wege in der Regel aus den Werbemitteln der Tourismusverbände in der Region. Die Wegerhaltung wird meistens von (oder in Kooperation mit) alpinen Vereinen gewährleistet. Welche Sektion gerade für den jeweiligen Tourenabschnitt zuständig ist, ist auf den bekannten gelben Schildern ersichtlich.

Vorbereitung auf den nächsten Tourentag

Vorbereitung auf den nächsten Tourentag

Eine dieser Tafeln weist nun auch von der Windlucken in Richtung Planneralm – vier knackige Stunden stehen heute noch am Programm. Inzwischen ist es später Nachmittag, das Wetter hat gedreht, es wird ungemütlich. Gut zu wissen, dass auf der Planneralm ein Schutzhaus steht, das von unserem Kommen weiß und mit einer üppigen Speisekarte lockt. Das Matratzenlager war zwar restlos ausgebucht, doch die nette Wirtin hat für uns am Nachmittag das leerstehende Personalzimmer aufgemöbelt, und wir kommen so auf Umwegen zum wahrscheinlich gemütlichsten Zimmer des gesamten Tauernzuges.

Einmal mehr erweist sich die heimische Hütteninfrastruktur als solide Basis für ausgedehnte Weitwandertouren. In der Vorsaison wirken sogar Orte mit ansonsten hoher Bettenzahl wie ausgestorben. Auch Biwakierer und Selbstversorger wissen das Hüttennetz zu schätzen, ist es doch oft auf vielen Tagesetappen die einzige Möglichkeit, an Lebensmittel zu kommen. Wer beispielsweise am Südalpenweg unterwegs ist, wird in Bad Eisenkappel das letzte Mal einen Supermarkt sehen, bevor er – zwei Wochen später – in Osttirol wieder vom Berg runterkommt. Die Versorgung hat bei längeren Touren ja nicht nur eine finanzielle, sondern oft auch eine logistische Komponente: Wenn das Gewicht der Spaghetti im Rucksack jenes der Spiegelreflexkamera inklusive Stativ und dem vierteiligen Objektivset übersteigt, bieten die Hüttenwirte einen geh- und gangbaren Ausweg.

Die Packliste ist bei Weitwandertouren im eigenen Interesse ohnehin eher kurz zu halten. Doch das ergibt sich im Laufe der Zeit wie von alleine. Selbst wenn es bei der Tourenplanung noch undenkbar erscheint, ohne Buch das Haus zu verlassen: Spätestens nach einer Woche haben sich die eigenen literarischen Ansprüche auf wundersame Weise an das Flechtenbestimmungsbuch der Schutzhütte angeglichen. Und das raumfahrterprobte Jausenbrett vom Outdoorshop, das sich mit hundertfünfzig Gramm zu Buche schlägt, ist nur beim allerersten Abenteuer dabei. Ab Tour zwei tut’s dann ein Bierdeckel auch.

Wohl Durchdacht – Rastplätze inbegriffen

Was die heimische Bergwelt betrifft, wird somit nichts ausgelassen. Es gibt keine Gebirgsgruppe in Österreich, die nicht entlang der einheitlich rot-weiß-roten Markierung eines Weitwanderweges durchquert werden kann. Praktischerweise sind die einzelnen Etappen stets so geführt, dass bei Start und Ende eine Nächtigungsmöglichkeit besteht. Weiter oben sind das naturgemäß die Schutzhäuser der Alpenvereine. Bei den Abschnitten im Voralpenland hingegen liegen Ortschaften mit zumindest einem Landgasthof am Ende einer Tour. Oft ist dieses Haus auch der einzige Platz zur öffentlichen Zusammenkunft, denn die Weitwanderwege verlaufen fast ausschließlich abseits der Ballungszentren. Der feine Zwirn fürs Abendprogramm kann also getrost daheim bleiben – alles, was über einen Trainingsanzug hinausgeht, ist allermeist schon zuviel des Guten.

Abendliche Einkehr

Abendliche Einkehr

Innere und gemütliche Einkehr

Hat man dieses Gefühl erst einmal erlebt, besteht pathologische Suchtgefahr: In den Schuhen stecken bereits 1-2 Tourenwochen, und die drückendsten und quälendsten Sorgen der ersten Tage, nämlich jene in der Fersenregion, sind lange vergessen. Auch sonst ist jeglicher Ballast an Alltagsgedanken bereits längst irgendwo am Weg liegengeblieben, die Tour ein unbeschwerter Genuss. Kein Wetterwechsel schlägt sich auf die Stimmung, denn: Man ist lange, sehr lange unterwegs. Die Sonne wird schon wieder kommen. Und wenn nicht morgen, dann halt übermorgen.

Der Tag neigt sich dem Ende zu, und praktischerweise auch die heutige Etappe. Noch wenige Meter sind’s zur Plannerhütte. Bereits jetzt stellt sich die Vorfreude auf ein täglich wiederkehrendes Ritual ein – den abschließenden Abend eines erlebnisreichen Tourentages. In lockerem Gewand und Hüttenpatschen. Und der große Reiz des Weitwanderns zeigt sich in einer paradoxen Facette: Niemand verzichtet dankbarer in den folgenden 12 Stunden auf jeden unnötigen Schritt als jemand, dessen größte Leidenschaft darin besteht, zu Fuß den Alpenkamm zu überqueren.

Es wird dunkel. Das Nachtlager ist in jeder Hinsicht bezogen, und ein jeder findet sich – eingehüllt ins Wohlfühlgewand – nahe am Kachelofen ein, um den Tag kulinarisch ausklingen zu lassen. Und auch ohne Hang zu übersinnlichen Deutungsversuchen macht sich eine angenehme Zufriedenheit breit. Wer nun also nicht damit beschäftigt ist, sich selbst zu finden, sucht auf der ausgebreiteten Wanderkarte die Gipfel, deren Umrisse durchs Fenster zu erkennen sind. Oder studiert die an der Wand hängende Geschichte der Vereinssektion. Oder in der Speisekarte die Nachspeisensektion. Oder das Flechtenbestimmungsbuch.


Erschienen in der Zeitschrift Land der Berge